Gelesen: (K)Ein Ende der Privatheit

„(K)Ein Ende der Privatheit“ dokumentiert die Vorträge und Ergebnisse einer Fachtagung zu Strategien der Sensibilisierung von Jugendlichen im Umgang mit persönlichen Daten im Internet, die im April 2009 von IJAB und GMK organisiert wurde und vor kurzem im RabenStück Verlag erschien.

Viele Beiträge beschäftigen sich mit dem grundlegenden Dilemma zwischen Glaubwürdigkeit und Privatheit in sozialen Medien. Gerade Jugendliche streben nach Anerkennung und Rückmeldungen durch Freunde und Bekannte – offline und online. In sozialen Netzwerken erlangen sie diese durch Veröffentlichung persönlicher Informationen, beispielsweise im Rahmen von Statusmeldungen über ihre Aktivitäten und Interessen, auf die ihre digitalen Bekanntschaften reagieren. Mehrfach beschäftigen sich Autoren mit dem Spagat zwischen dem jugendlichem Wunsch nach Rückmeldung und der damit verbundenen Preisgabe von persönlichen Informationen sowie der datenschutzrechtlichen Verantwortung, dass sie damit selbstständig einen Teil ihrer Privatssphäre einschränken.

Die an der Tagung beteiligten Vertreterinnen und Vertretern aus Daten-, Verbraucher- und Jugendschutz, der Medienpädagogik sowie mit Vertreterinnen und Vertretern von Betreiberfirmen und Wirtschaftsverbänden argumentieren, dass vielen Jugendlichen nicht bewußt ist, in mit welcher Reichweite sie persönliche Informationen (teil-)öffentlich zugänglich machen.

Kritisch hebt Marie-Luise Dreber in ihrem Beitrag Werbung hervor in von Jugendlichen Communities hervor, die anhand der Interessen und Äußerungen personalisiert ist. Sie sieht die Gefahr, dass durch die Vermengung von Werbung und persönlichen Informationen die Integrität der Information, ihre Glaubwürdigkeit, verletzt wird.

In weiteren besonders lesenwerten Beiträgen beschäftigt sich unter anderem Verena Meyer mit der Frage, ob das Datenschutzrecht der digitalen Lebenswelt noch gerecht wird. Niels Brüggen ist den Vorstellungen Jugendlicher über Privatsphäre auf der Spur. Er beschreibt die grundsätzliche Differenzierung von privaten und persönlichen Informationen und das Ausmaß an Kontrollverlust über veröffentlichte Fotos und anderen Daten. Den Bogen von der Anerkennung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung 1983 bis zum heutigen Verbraucherrecht schlägt Christine Ketzer.

Das wohl einschlägigste Fazit für die Medienpädagogik und der Herausforderung im professionellen Umgang mit sozialen Medien gelingt Bernwarnd Hoffmann:

„Das Social Web hat – wie alle Medien vorher – auch den pädagogisch kontrollierten Rahmen weiter geöffnet. Das müssen alle Arten von Erziehungsbemühungen und Bildungsinitiativen begreifen und positiv aufgreifen, indem sie sich verändern. So wie die New Economy, die Kreativ-Modernen längst nicht mehr da sind, wo der gesellschaftliche Mainstream steht, so sind die Kinder und Jugendlichen teils nicht mehr da, wo die Pädagogen sie denken bzw. haben wollen. Die Ausweitung der Beziehungen über das Maß direkt-personaler Möglichkeiten hinaus bringt ein erhöhtes Sozialkapital für Heranwachsende mit sich, das sich in unserer kapitalistischen Gesellschaft wohl auszahlt.“

Auch wenn die Tagung bald ein Jahr vorüber ist, sind die Ergebnisse auch heute noch aktuell. Der Band schafft einen Gesamtüberblick über die Fülle an Herausforderungen, der Medienpädagogen heute gegenüber stehen. Praxisbeispiele wie die vorgestellte Kampagne „Watch your web“ machen Hoffnung, dass die Erkenntnisse auch in jugendgerechte Informationsangebote übertragen und eine Sensibilierung der Jugendlichen erreicht werden.

Die Dokumentation ist bei Amazon erhältlich.

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