Wieviel Echtzeit-Web brauchen NPOs?

Im Rahmen der 13. NPO-Blogparade fragt David Röthler auf politik.netzkompetenz.at ob es für NPOs (Non-Profit-Organisationen) sinnvoll ist live im Internet zu sein. Zur NPO-Blogparade steuern Blogger aus unterschiedlichen NPO-Bereichen ihre Perspektive zur vorgegebenen Frage bei. Aus den jeweiligen Herangehensweisen ergeben sich spannende Umfeldbetrachtungen und Ansätze.

Die Frage nach Einsatzmöglichkeiten von synchronen Aktivitäten von NPOs im Internet konzentriert sich zunächst auf Instrumente wie Chat, Video und Kollaboration. Diese Instrumente bauen auf der Herausbildung des Echtzeit-Webs auf, dass nicht erst seit Livestreams und Twitter in aller Munde ist. Ein Trend, der angesichts der zunehmenden Mobilität der Nutzer an Bedeutung gewinnt. Doch bevor sich NPOs mit Live-Instrumenten beschäftig, sollte die Auseinandersetzung mit den Prinzipien und der Kultur des Echtzeit-Webs stattgefunden haben.

Fünf grundlegende Fragenkomplexe sollen als Diskussionsgrundlage dienen:

  • Was bedeutet das Echtzeit-Web für uns? Was verstehen wir darunter? Welche Auswirkung hat es auf unsere Arbeit?
  • Sind wir in der Lage ein Medium in Echtzeit zu bedienen? Welche Randbedingungen sind hierbei zu beachten?
  • Welche Stakeholder sind im Internet anzutreffen? Mit welchen Erwartungen können wir rechnen? Welche Erwartungen haben wir an unsere Stakeholer?
  • Wie möchten wir das Echtzeit-Web strategisch nutzen? Wie werden wir es in sechs Monaten nutzen? Wie werden wir es in sechs Jahren nutzen?
  • Welche Opportunitätskosten entstehen, wenn wir es nicht nutzen in sechs Monaten und in sechs Jahren?

Die Antworten auf die Fragen können so individuell sein wie der dritte Sektor ist. Sie spiegeln die Vielfalt und die Menge an Herausforderungen wieder, die sich durch den Medienwandel ergeben. Sicherlich wird ein von einem Wohlfahrtsverband betriebenes Pflegeheim nicht notwendigerweise zu den ersten NPOs gehören, die das Echtzeit-Web für ihre Kommunikation und Interaktion entdecken. Für eine auf den gesellschaftlichen Wandel orientierte Umweltinitiative hingegen gehört es fast schon zwangsläufig zum Instrumentemix zur Zielerreichung.

Finanzielle Ausstattung und Abhängigkeit können Motoren der Nutzung von Instrumenten des Echtzeit-Web sein, nämlich dann, wenn
a)      Spender zeitnah Informationen und einen Rückkanal einfordern oder
b)      Sponsoringpartner Kanäle der Echtzeit-Kommunikation als selbverständlichen Bestandteil des Marketings ansehen.

Oppurtunitätskosten entstehen dann, wenn einer NPO ein Nutzen entgeht, beispielsweise Sponsoren und Spender sich nicht in der erwarteten Weise angesprochen fühlen; die schnelle Interaktion und Rückkopplung vermissen. Die fehlende Erfahrung mit Prinzipien und Instrumenten des Echtzeit-Webs in der Gegenwart kann in zukünftigen Handlungssituationen zu einer Wissenslücke führen, die nur durch Hinzukauf von Expertise ausgeglichen werden kann. In Situationen wie der Erdbeben-Katastrophe in Haiti ist jedoch schnelles Handeln erforderlich, welche z.B. durch Echtzeit-Landkarten an Effektivität gewinnen.

Besonderes Augenmerk verdient das Potential von Echtzeit-Instrumenten auch für die internen Abläufe einer Organisation. Bereits bei kleinen Organisationen mit 10 bis 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern treten Schwierigkeiten bei der zeitnahen und umfassenden Informationen aller auf. Durch kollaborative Instrumente können asynchron (z.B. Blogs, RSS-Feeds, Wikis) Informationsflüsse neu gestaltet und das Verhältnis von Hol- und Bringschuld neu arrangiert werden. In der Kombination mit synchroner Live-Kollaboration entsteht Raum für Information und Reaktionen, wie es sonst nur im informellen Flurfunk passiert – jedoch nun transparenter und mit Rückkanal. Hierarchische Strukturen können dadurch abflachen. Nicht unerwähnt bleibt, dass ein Instant-Messaging- oder Blog-System technisch problemlos in ein geschütztes Intranet eingebunden werden kann.

Den Einstieg in das Echtzeit-Web bietet das Monitoring. Mit Hilfe von automatischen Alarm-Meldungen lässt sich verfolgen, wie und wo über eine Organisation im Internet geschrieben wird. Werden Treffer von der Öffentlichkeitsarbeit auf diese Weise schnell wahrgenommen und erfolgt ein Dank an die Autoren,  kann ein Unterstützer-Netzwerk von Bloggern und Journalisten aufgebaut werden. Genauso ist es in Problemfällen von einer Verwechslung, falscher Zuordnung von Sachverhalten oder nicht wahrheitsgemäßer Berichterstattung. In diesen Fällen ist eine sehr schnelle Interaktion gefragt, die im Online-Bereich zunehmend durch Echtzeit-Medien erfolgt. Oftmals kann auf diese Weise in berechtigten Fällen eine schnelle Korrektur oder Richtigstellung erreicht werden, wenn das Krisenmanagement „live“ passiert.

Große Medien und Unternehmen machen vor, wie das Echtzeit-Web und soziale Medien effektiv verwendet werden können. Daraus kann allerdings nicht zu schlußfolgern sein, dass NPOs diese auf ganzer Linie imitieren müssten. Eine Echtzeit-Berichterstattung wie an der Börse gehandelte Kapitalgesellschaften es tun, wird genauso wenig zwingend notwendig sein wie Quartalsberichte über die NPO-Finanizierung und Zielerreichung.

Es lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass ein Großteil der deutschen NPOs noch Schwierigkeiten im Einsatz von internetbasierten Instrumenten der Kommunikation und Interaktion aufweist (Siehe eins zwei drei). Aus Sicht des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien müssen NPOs in der heutigen Zeit in der Lage sein ein Monitoring für ihren Namen und ihre Themen zu steuern und gegebenfalls eine schnelle Reaktionsfähigkeit bei negativen Meldungen aufweisen. Darüber hinaus sollten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Instrumente ausprobieren und dort in den Arbeitsalltag integrieren, wo es passend und realistisch zu betreuen ist. Wünschenswert ist die Erweiterung des Kommunikationsansatzes und die Bereitschaft sich auf den Prozess des Organisationswandels einzulassen, der bei der Integration von Instrumenten mit Echtzeit-Charakter zu erwarten ist.

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