Gastbeitrag: DRadio Wissen und der Rückzug aus Google+

Ohne es zu wollen, wurde gestern Mittag eine ganze neue Diskussion in Social-Web-Deutschland angestoßen. Mit kurzen Worten verkündete die Redaktion von DRadio Wissen mit einer Meldung auf Google+ ihren Rückzug aus dem Sozialen Netzwerk von Google:

Liebe Google+-Community, wir sind raus. Und zwar aus Google+. Social Media-Aktivitäten finden aber natürlich trotzdem weiterhin statt. Ihr findet uns auf Facebook und bei Twitter. Grüße und bis bald, die Redaktion.

Entgegen den Erwartungen und zur Überraschung der Redaktion von DRadio Wissen gab es innerhalb von zwei Stunde gut 80 Kommentare. In vielen der Kommentare wurde das Unverständnis darüber deutlich, in einigen auch das Potential, welches stattdessen in Google+ liege in Worte gefasst und ein erstes Zeichen des Umdenkens wurde verkündet:

Liebe Community, erste Zusammenfassung: Ihr möchtet mehr Diskussionsstoff, steile Thesen, Interaktion, Ankündigungen von Radioformaten wie Talkshows und ein besserer Profil. Zudem seid Ihr der Ansicht, dass Diksussionen bei G+ auf einem anderen Niveau laufen, als bei FB. Und genau das schätzt Ihr an G+. Wir denken heftig darüber nach.

Die bisher jetzt über 200 Kommentare machen aber auch noch eine weitere Brisanz mehr als deutlich. Google+ ist, genauso wie Facebook oder Twitter, ein wirtschaftlicher Akteur und gemeinsam stehen sie im Wettbewerb. Für den Nutzer gibt es je nach Gesichtspunkt viele Argumente für oder gegen eine dieser Plattformen. Die Entscheidung für Facebook und Twitter und gegen Google+ könnte man daher auch als Parteinahem für oder gegen einzelne Akteure innerhalb dieser Konkurrenzsituation werten. Der Anspruch der Neutralität, die an einen öffentlich-rechtlichen Sender zu stellen ist, wäre damit nicht mehr erfüllt.

In der Schlussfolgerung hieße das, dass man sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk für oder gegen die Beteiligung an den Sozialen Netzwerken generell entscheiden kann, nicht aber für oder gegen einzelne Plattformen. Dass dieser Gedanke nicht vollkommen aus der Luft gezogen ist, zeigen auch die Entwicklungen in Frankreich. Dort wurde im Mai 2011 verordnet, dass Facebook, Twitter und Co. nur noch innnerhalb von Berichterstattungen in den französischen Radio- und Fernsehsendern genannt werden dürfen, nicht aber für die Bewerbung des eigene Plattform-Profiles. Dabei geht es in erster Linie um Einhaltung der Neutralität und das Unterbinden von Schleichwerbung. Das Auffordern zum Folgen in den sozialen Medien als Sammelbegriff ist nach wie vor möglich. Wie auf golem.de berichtet wurde, war der Auslöser für diese Entscheidung eine Beschwerde einer Senderketter. Die Parallelen, die 2009 in Deutschland zur Depublikation führten, sind daher durchaus zu ziehen.

Die logische Abwägung für und gegen jede einzelne und auch jede weitere Plattform im Netz erzeugt ein Patt. Weder ist es realisierbar oder zu rechtfertigen alle Plattformen gleich zu bedienen noch käme man in der heutigen Mediennutzung einem Grundversorgungs- oder Bildungsauftrag nach, würde man sich vollkommen gegen die Beteiligung entscheiden.

Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit und die heißt Transparenz. Die Gründe für die scheinbar zu voreilig gefällte Entscheidung von DRadio Wissen wurden bisher nicht genannte, die Aktion gleicht daher eher einem Testballon. Wie ich bereits in meinem Beitrag auf Kultur2Punkt0 beschrieben habe, scheint selbst das große Vorbild, die BBC, noch nicht das richtige Konzept für Google+ gefunden zu haben. Das Abwägen und Entscheiden über Sinnhaftigkeit und Machbarkeit der Beteiligung an einzelnen Plattformen kann nicht länger im Nachgang der Entwicklung passieren, währenddessen auf Konferenzen und Barcamps in Deutschland und international über Strategien im Social Web diskutiert und Konzepte gestaltet werden.

Der Ausweg ist ein Einstieg. Möglichst transparente Strukturen, offene Konzepte und der Einstieg in die Diskussion über die Beteiligung an den Barcamps sind ein Ausweg aus dem Patt und ein Weg Entscheidungen zu finden, die auf einem möglichst breiten Konsens basieren.

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