Staat und Crowdfunding – wie kann die Kreativwirtschaft davon profitieren?

Welche Rolle spielt die öffentliche Hand bzw. der Staat bei der Förderung von Crowdfunding? Karsten Wenzlaff hat dies in einem Gastbeitrag für creative.nrw diskutiert.

Crowdfunding wächst in Deutschland sehr stark – allein auf den deutschsprachigen Plattformen wie pling, visionbakery, inkubato oder startnext wurden bislang zwischen 4 und 5 Millionen Euro eingenommen. Jedes Vierteljahr verdoppelt sich die Anzahl der Projekte. Hinzu kommen zahlreiche Projekte der Kreativwirtschaft abseits der Plattformen, Filme wie „Stromberg“ oder „Ironsky“, die auf ihren eigenen Webseiten einen Teil der Finanzierung über die Crowd sicherstellten.

Welche Rolle wird Crowdfunding in der Zukunft aber für die Kultur- und Kreativwirtschaft insgesamt spielen? Gerade in der Debatte um die Neugestaltung des Urheberrechts bzw. die Durchsetzung des Urheberrechts im Internet wird immer wieder Crowdfunding als neue Erlösform für Kreative genannt – oder eben als Bettelei verdammt.

Noch ist Crowdfunding ein relativ kleiner Markt, der im Vergleich zur öffentlichen Kulturförderung und zur öffentlichen Wirtschaftsförderung in der Kreativwirtschaft nur einen sehr geringen Teil der Kreativen finanziert.

In den USA ist die Situation deutlich anders: auf Plattformen wie indiegogo.com oder kickstarter.com werden Beträge eingenommen, die zum Beispiel das Budget für bundesstaatliche Kulturförderung deutlich überschreiten. Natürlich ist das private Mäzenatentum im Kultursektor sehr viel ausgeprägter in den USA als in Deutschland. Daher ist auch die Bereitschaft, Kultur privat zu finanzieren, deutlich größer. Aber auch in Deutschland stellt sich die Frage, wie der Staat und seine Förderinstitutionen sich mit Crowdfunding auseinandersetzen und welchen Beitrag er leisten kann.

1) Den Verfechtern der alten Geschäftsmodelle die Angst nehmen?

Crowdfunding fordert das traditionelle Rollenverständnis in der Kreativbranche heraus. Musiker werden zu Marketingexperten, Autoren zu Verlegern, Film-Regisseure zu Produzenten. Auch die Rolle der Verwerterunternehmen wird neu definiert: am besten ist das im Beispiel der Spieleindustrie zu sehen, wo Spieleplattformen wie Origin von Electronic Arts auch kleineren Indie-Games, die via Crowdfunding finanziert wurden, eine Vertriebsplattform bilden. Hier bilden sich spannende Symbiosen zwischen Independent-Szene und den marktbeherrschenden Firmen bzw. den Verwerterunternehmen innerhalb einer Branche.

Traditionelle Geschäpraktiken werden dadurch aber auch in Frage gestellt. Der Verleiher des Films „Iron Sky“ mahnte kürzlich Nutzer ab, die Kopien des Films über File-Sharing-Plattformen verteilt hatten – ein ganz normaler Vorgang in der Filmindustrie. Da „Iron Sky“ aber durch die Fans mitfinanziert wurde, wurde von der Community sehr provokant gefragt: “Mein Geld darf ich zwar teilen, um den Film zu ermöglichen, aber den Film teilt man deshalb noch lange nicht mit mir.”

Die Rolle des Staates könnte es hier sein, durch Aufklärung dafür zu sorgen, dass Crowdfunding zwar Umbrüche bringt, aber innovative Unternehmen, die traditionelle und digitale Geschäftsmodelle kombinieren, durchaus eine Chance haben. Dazu muss man verstehen, dass Crowdfunding hilft, eine emotionale Bindung zu Kunst aufzubauen, die sehr wichtig ist, um aus Fans eine Community zu machen. Im Kern geht es um die Demokratisierung des Mäzenatentums.

2) Die Legitimation staatlicher Kulturförderung neu diskutieren?

Das Selbstbewusstsein der Fans spürt auch die staatliche Förderung der Kreativwirtschaft. Wenn Independent-Filme einerseits von der Filmförderung abgelehnt werden, aber im Nachgang über Crowdfunding sich finanzieren können, dann fragt die Community schon mal, nach welchen Kriterien die Steuergelder in der Filmförderung vergeben werden.

Auf der co:funding in Berlin wurde daher schon 2011 intensiv diskutiert, ob es nicht neue Formen der Kofinanzierung geben kann, also dass ein Teil der Budgets der öffentlichen Kulturförderung über die Crowd mitentschieden wird oder dass Projektbudgets von der öffentlichen Hand verdoppelt werden.

Der Staat muss sich Formen der Partizpation der Crowd im Bereich der öffentlichen Kulturförderung einfallen lassen – langfristig kann das nur eine teilweise Abgabe von Entscheidungsbefugnis sein.

3) Der Staat als Plattformanbieter?

Schon jetzt wird deutlich, dass Crowdfunding nicht die institutionelle Unterstützung durch den Staat ersetzen kann. Crowdfunding funktioniert für Projekte, die eine emotionale Reaktion bei den Unterstützern erzeugen kann. In der Regel werden Crowdfunding-Projekte auch nicht durch anonyme Massen, sondern durch Freunde, Familie und Kollegen finanziert, man könnte also von einer Art „Peer-Funding“ sprechen. Für große, anonyme Kulturbetriebe ist Crowdfunding daher noch keine Option.

Die öffentliche Hand ist daher erst auf zwei Feldern zu spüren: einerseits werden eigene Crowdfunding-Plattformen wie Nordstarter ins Leben gerufen. Die Hamburger Kreativgesellschaft stellt hier die Infrastruktur für Projekte aus Hamburg zur Verfügung, die über ihre Crowd dann Geldmittel generieren.

Weil die Nutzung der Plattform kostenlos ist, konkurriert hier die Stadt Hamburg indirekt mit privaten Anbietern, die ebenfalls Plattformen anbieten. Es ist etwas ironisch, wenn dann eine staatliche, regionale Initiative zugunster der Kreativwirtschaft eine Konkurrenz für die privaten Kreativunternehmen aus Berlin, Leipzig und München darstellt, die versuchen, Crowdfunding voranzubringen.

Ob der Staat eine solche Aufgabe vornehmen soll, ist eine politische Frage. Man könnte argumentieren, der Staat sollte in der Regel nur dann eigene Dienstleistungen für die Kreativwirtschaft anbieten, wenn ein Marktversagen vorliegt. Das wäre der Fall, wenn es zum Beispiel zur Monopolbildung kommt. In den USA ist mit Kickstarter ein marktbeherrschendes Unternehmen am Start, aber noch ist es nicht so, dass Kickstarter die anderen Plattformen vom Markt verdrängt.

In Deutschland ist im Bereich der Kreativwirtschaft startnext Marktführer, weil sie über ihr Modell der Gemeinnützigkeit und der damit verbundenen fehlenden Provision und auch aufgrund von vielen innovationen Funktionen auch sehr attraktiv für viele Projektinitatoren sind. Da sie auch mit einer Reihe an staatlichen Crowdfunding-Plattformen kooperieren, stellt sich schon die Frage, ob hier nicht früher oder später eine marktbeherrschende Stellung entsteht, die anderen Unternehmen das Wasser abgräbt.

Nun sagen die Plattformen selber, dass sie über die Provision nicht ihre Ausgaben finanzieren könnten. Die staatlichen Stellen argumentieren daher, dass sie über die Bereitstellung kostenloser Plattformen und entsprechender Marketing-Budgets Crowdfunding als Thema voranbringen können. Das ist sicherlich richtig und begrüßenswert. Anzudenken ist aber auch die Möglichkeit, dass die staatlichen Stellen eine Art Meta-Plattform konzipieren, auf der Crowdfunding-Projekte zusammenlaufen.

Ob staatliche Stellen eigenen Plattformen anbieten sollten, ist keine einfache Frage – die Gefahr der Monopolisierung, Marktverzerrung und Marktverdrängung privater Unternehmen besteht. Besser ist es, als Vermittler zu agieren.

4) Der Staat als Berater und Regulierer?

Crowdfunding wird auch immer in den Beratungsgesprächen öffentlicher Einrichtungen angesprochen. Die Kompetenzzentren der Kreativwirtschaft des Bundes haben beispielsweise auf ihren Workshops immer wieder Crowdfunding vorgestellt.

Handlungsbedarf besteht darin, für Unternehmer aus der Kreativwirtschaft klarer zu definieren, wie die Einnahmen aus Crowdfunding eingeordnet werden sollen, sowohl im Bereich der Mehrwertsteuer, der Einkommenststeuer, der KSK-Abgaben sowie der Anrechung als Eigen- oder Fremdmittel in der Kulturförderung.

Der Staat wird nicht umhin kommen, den Regulierungsrahmen für Crowdfunding neu zu definieren. Insbesondere wenn mehr Unternehmen der Kreativwirtschaft Crowdfunding mit Erfolgsbeteiligung (Crowdinvesting) oder auf Kreditbasis (Crowdlending) nutzen. Die Plattformen für Crowdinvesting sind in Deutschland schon sehr erfolgreich, aber auch Crowdlending hat mit LeihDeinerStadtGeld, Smava und Finmar spannende Modelle der Finanzierung am Start.

Der Staat muss also seine Informationspflicht gegenüber der Kreativwirtschaft ernst nehmen. Dazu gehört nicht nur die Beratung der Kreativen, sondern auch das Klären von rechtlichen Grauzonen.

Wer Crowdfunding ernst nimmt, muss die Legitimation der Kultur- und Wirtschaftsförderung im Kreativsektor diskutieren, die rechtlichen Rahmenbedingungen anpassen und in der staatlichen Beratung Crowdfunding als ein Instrument vorstellen, ohne dieses zu hypen, aber auch ohne es zu verteufeln. Wenn das passiert, dann wird Crowdfunding zu einer Expansion der Kreativwirtschaft in Deutschland führen.

Karsten Wenzlaff ist Geschäftsführer des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien. Er ist Koautor der ersten Studie zum Thema Crowdfunding in Deutschland und einer der Autoren des ersten Crowdsourcing-Reports. Das Institut veröffentlicht auch Branchenanalysen für Crowfunding im Film und in der Musikindustrie. Dieser Artikel entstand als Gastbeitrag für Creative.NRW