Crowdfunding in der Musik – Was haben Künstler, Labels und A&R-Verantwortliche davon?

„Crowdfunding-Projekt finanziert – wie geht es dann weiter?“ war die Fragestellung unseres virtuellen Talks am vergangenen Mittwoch, 16.05.12, in Kooperation mit dem Kulturmanagement Network. Im Rahmen des Treffpunkts KulturManagement sprachen wir darüber, welche Chance erfolgreiche Musik-Crowdfunding-Projekte haben, wenn sie im Anschluss an die Finanzierung vermarktet werden sollen.

Die Online-Diskussion war für alle interessierten Zuhörer offen und kostenfrei, etwa 40 Gäste folgten dem Gespräch und stellten via Chat eigene Fragen. Wer die Aufzeichnung nochmal sehen möchte, kann dies unter diesem Link tun: http://bit.ly/kmtreff24_1.

Zu Beginn sprachen Malte Graubner von der Crowdfunding-Plattform Sellaband und Karin Blenskens (ikosom) über die Vermarktungsmöglichkeiten von Musikprojekten.Svenja Mahlstede, Autorin der Studie „The Power of the Crowd“, diskutierte im Chat mit den Zuschauern.

 

Die Fragen und Antworten im Überblick:

ikosom:Wenn eine Band ihr Projekt erfolgreich über Crowdfunding finanziert hat, muss sie das Album ja nun auch noch verkaufen. Funktioniert auch Promotion, Vermarktung und Vertrieb über Crowdfunding? Brauchen Musiker dann überhaupt noch ein Label?

Malte Graubner: Ein Crowdfunding-Projekt ist im Grunde schon eine Promotion-Aktion für eine Band. Nach der Finanzierung braucht der Künstler natürlich eine Veröffentlichungs-Plattform: letztendlich bleibt es aber den Künstlern offen, ob sie ihre Musik selbst veröffentlichen oder sich bei einem etablierten Label bewerben.

Wenn eine CD auch im Handel erhätlich sein soll, muss die Band mindestens 2.000 CDs pressen, außerdem benötigt sie auch Promotion, damit der potentielle Kunde überhaupt von dem Album erfährt. Für eine erfolgreiche Veröffentlichung mit Vertrieb im Handel ist damit ein Budget von ca. 15.000 bis 20.000 Euro notwendig.  Die meisten Musik-Crowdfunding-Projekte in Deutschland bewegen sich aber bislang bei etwa 3.000 bis 3.500 Euro. Eine erfolgreiche Veröffentlichung ist damit für Newcomer-Bands kaum möglich. Allerdings können sie ihre Alben selber veröffentlichen und somit die ersten Schritte Ihrer Karriere autonom gehen.

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Screenshot Startseite Sellabandikosom: Nutzen aktuell die Plattenfirmen Crowdfunding, um neue Künstler zu suchen? Oder ist Crowdfunding für die Industrie zur Zeit noch gar kein Thema, weil sie sich bei der Suche nach geeigneten Newcomern auf ihre eigene Expertise verlassen?

Malte Graubner: sellaband führt in letzter Zeit vermehrt Gespräche mit Plattenlabels, die mit Interesse beobachten, welche Künstler ihre Projekte crowdfunden. Und es gibt Beispiele von Künstlern, die erfolgreich über Crowdfunding ihr erstes Album finanziert haben und dadurch einen Plattenvertrag erhalten haben (z.B. Julia Marcell). Das Angebot, den Kontakt zu Labels, Promotion-Agenturen, Booking-Agenturen, Studios etc. herzustellen, ist ein Teil unseres Service. Das macht allerdings im Normalfall nur bei deutschen Künstlern Sinn. Bei längerfristiger Zusammenarbeit schließen wir dazu einen zeitlich befristeten Co-Management-Vertrag mit den Künstlern ab.

ikosom: In letzter Zeit gab es Meldungen über einige große US-Künstler, die die Produktion ihrer neuen Alben über Crowdfundiing-Plattformen finanziert haben, darunter Ben Folds Five (PledgeMusic), Amanda Palmer (Kickstarter), HBlockx (PledgeMusic). Alle drei hatten bereits erfolgreiche Labeldeals, sind jetzt aber ohne Plattenfirma und wollen ihre Alben in Eigenregie veröffentlichen und vertreiben. Ist das eine Tendenz für die Musikindustrie?

Graubner: Amanda Palmer und Ben Folds sind international bekannte Künstler, die sich immer sehr um ihre Fans gekümmert haben und eine stabile Fan-Base haben. Für solche Künstler ist es natürlich ideal, ihre Alben über Crowdfunding zu finanzieren. In solchen Fällen macht es aus wirtschaftlichen Aspekten eigentlich für die Bands keinen Sinn, nach der Finanzierung wieder zurück zu einem Label zu gehen –  sie müssten dann wieder über Jahre hinweg Rechte abgeben und hätten weniger künstlerische Kontrolle über ihr Produkt.

Bei den HBlockx ist das ein wenig anders: Sie haben eine Plattenfirma im Hintergrund und das Crowdfunding mehr genutzt, um schon vor der Veröffentlichung des neuen Albums Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist durchaus legitim und eine weitere Möglichkeit des Crowdfunding. Die tatsächliche Finanzierung der Veröffentlichung scheint aber in diesem Fall eher durch das Label zu erfolgen.

ikosom: Es gibt ja auch so genannte Vertriebsdeals mit den Plattenfirmen. Wenn der Künstler als sein eigenes Label ein Album über Crowdfunding finanziert: Wäre dann nicht ein anschließender Vertriebsdeal mit einem Label die für beide Seiten profitabelste Lösung?

Graubner: Ein richtig großer Künstler kann bei einem Vertriebsdeal einen Vorschuss von der Plattenfirma einholen und so die Produktion finanzieren. Oder auch direkt einen Vertriebsdeal mit einem Vertrieb ohne Plattenfirma abschließen und sozusagen seine eigene Plattenfirma sein. Er müsste also nicht mehr den Umweg über Crowdfunding gehen. Bei kleineren Labeln und Künstlern ist das aber ein durchaus gangbarer Weg. Allerdings bedeutet das – wie schon oben erwähnt – doch für den Künstler ein erhebliches finanzielles Risiko. Das muss schon genau überlegt sein und ist zur Zeit für einen Newcomer noch eher unrealistisch.
Eine gute Option für Newcomer ist es natürlich, Crowdfunding zu nutzen, um den notwendigen Eigenfinanzierungsanteil für eine öffentliche Förderung zu erwirtschaften – z.B. durch die Initiative Musik. Wir werden uns in naher Zeit mit der Initiative Musik treffen, um darüber zu sprechen, welche Möglichkeiten es hier für Künstler gibt.

Generell gibt Crowdfunding den Künstlern ein Instrument an die Hand, das sich zukünftig noch sehr weiterentwickeln wird. Deshalb könnte es sein, dass Crowdfunding – egal ob auf einer Plattform oder über die eigene Website – zukünftig auch für große Künstler interessanter werden wird. In den USA haben wir es an Amanda Palmer gesehen: Sobald wir hier in Deutschland auch einmal ein ebenso extrem erfolgreiches Projekt haben, wird Crowdfunding einen ganz neuen Stellenwert in der Branche haben.

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